Anzeigenschwindel: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen
Nordverlag in Lübeck
Lübeck - Bundesweit fühlen sich Anzeigenkunden des Lübecker Nordverlags geprellt. Der verkauft angeblich Anzeigen für Magazine, die es nirgendwo zu kaufen gibt.
In meinem ganzen bisherigen Geschäftsleben, ist mir so etwas in derartiger Dreistigkeit noch nie
untergekommen.“ Irene Wahle fühlt sich geprellt. Die Rostockerin war Kundin der Lübecker Nordverlag GmbH &
Co. KG“ in der Königstraße, Herausgeberin verschiedener Magazine mit Titeln wie „Der Baupartner“, „Seniorenmagazin“, „Suchtjournal“ und „Industrie- und Handelsmagazin“. Wahle ist selbständige Trauerrednerin. Im
Frühjahr wurde sie von einer Agentur mit dem Namen „H.-G. Werbung“ angerufen, die um Anzeigen für ein „renommiertes Seniorenmagazin“ warb. „Die haben gesagt, es gebe extra günstige Konditionen, ich müsse mich
aber sofort entscheiden.“
Wahle ließ sich darauf ein, bestellte eine Werbeanzeige im Format 60 mal 30 Millimeter für 140 Euro plus
Mehrwertsteuer. Das „Seniorenmagazin“ flatterte einige Woche später ins Haus – allerdings nur ein Belegexemplar
statt der vom Nordverlag zugesagten 15 Stück. Auch der zugesagte Anzeigenzusatz „die Redaktion empfiehlt“
fehlte. „Außerdem, hieß es, würde das Magazin in der Region verteilt werden. Aber tatsächlich war es nirgends zu
erhalten, in Krankenhäusern und Altenheimen war es niemandem bekannt. Auf meine Anzeige hat sich nie
jemand gemeldet“, so Wahle.
Mehrfach bat die Unternehmerin den Verlag um Aufklärung. Die sei nie erfolgt. Stattdessen habe der Nordverlag
immer weitere Mahnungen geschickt, drohte zuletzt sogar damit, die Forderung an ein Lübecker Inkassobüro
abzutreten. Schließlich gab Wahle nach und zahlte. Dennoch hatte sie keine Ruhe. Vor kurzem kam die
Rechnung für eine weitere Anzeige in der Folgeausgabe IV/06 des „Seniorenmagazins“. Als die Rostockerin
abermals um Klärung bat, verwies der Nordverlag auf seine Geschäftsbedingungen: „Die als einmalig
bezeichneten Aufträge werden für eine kontinuierliche Werbung weiter geschaltet.“
Dem Verband deutscher und ausländischer Kaufleute (VDAK) in Recklinghausen sind solche Fälle hinlänglich
bekannt. „Hier geht im Schnitt einmal in der Woche eine neue Beschwerde über den Nordverlag ein“, sagt Jörn
Tolsdorf vom VDAK. Man lasse dem Verlag regelmäßig schriftliche Rügen zukommen. Juristisch sei es allerdings
schwer, etwas zu erreichen. „Viele Geprellte scheuen den Weg der Anzeige – wegen des Aufwands.“
Dennoch liegen bei der Staatsantwaltschaft Lübeck bereits mehrere Anzeigen wegen Betruges gegen den
Nordverlag vor, bestätigte Oberstaatsanwalt Klaus-Dieter Schultz den LN. Manuela Wichmann, Geschäftsführerin
des Verlages, wollte zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen, verwies auf ihren Anwalt Christian Mahlke. „Die
Unregelmäßigkeiten kommen aus dem Akquisitionsbereich“, rechtfertigt Mahlke. Auf Versprechen, die dort
gemacht würden, habe der Nordverlag keinen direkten Einfluss. Mit der Anzeigenakquise sei ein
Fremdunternehmen beauftragt worden. Über die Verbreitung des „Seniorenmagazins“ habe Mahlke keine
Kenntnis. „Ich weiß, dass die Magazine zum Teil an Abonnenten verschickt, zum Teil kostenlos verteilt werden.“
Internetrecherchen der LN haben ergeben, dass der Nordverlag schon häufig negativ aufgefallen ist, auch mit
seinen anderen Publikationen. Die Industrie- und Handelskammern in Kassel und Bielefeld raten auf ihren
Internetseiten vom „Industrie- und Handelsmagazin“ und raten von einer Zusammenarbeit mit dem
Nordverlag ab. Die Kreisverwaltungen Borken und Bad Doberan warnen davor, dass Anzeigenvertreter des
Nordverlags sich fälschlich als Kreismitarbeiter ausgeben und Anzeigen für ein angebliches Aufklärungsmagazin „Suchtjournal“ einwerben.
Das Belegexemplar des „Seniorenmagazins“ von Irene Wahle liegt den LN vor. Das Magazin gibt weder
Aufschluss über Auflage oder Verbreitungsgebiet, noch weist es eine ISSN-Nummer oder einen Strichcode auf
und besteht fast ausschließlich aus Anzeigen kleiner Einzelunternehmen aus ganz Deutschland. Die wenigen
redaktionellen Beiträge, auch das ergaben LN-Recherchen, stammen fast ausschließlich aus Fremdquellen im
Internet, ohne Angabe von Herkunft oder Autor.
ln-online/lokales vom 07.09.2006 23:00 |