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Quelle: Facts.ch 10.02.05 http://www.facts.ch/dyn/magazin/wirtschaft/466472.html - Als pdf

Gelinkt statt verlinkt

Ein Deutscher versuchte 80'000 renommierte Schweizer Firmen abzuzocken. Über 1100 sind auf das überrissene Angebot hereingefallen. Spurensuche im Internet.

Christian Bütikofer

Sonja Wernli ärgert sich grün und blau. Sie hat für ihren Chef, Abteilungsleiter bei der Vormundschaftsbehörde des Kantons Basel-Stadt, ein Formular berichtigt und zurückgeschickt. Damit hat sie – unwissentlich – einen Antrag zur Aufnahme ins Schweizer Branchenbuch unterzeichnet. Was sie nicht beachtete: Im Kleingedruckten stand, dass der Basiseintrag happige 1849 Franken kostet – pro Jahr und ohne Mehrwertsteuer. Mit der Signatur verpflichteten sich die Basler Behörden für zwei Jahre, was sie nach Ablauf der «Offerte », die eigentlich ein Vertrag ist, über 4000 Franken kostet.

Neben der Basler Vormundschaftsbehörde haben Tausende dasselbe Formular zugestellt bekommen. Die Sorglosigkeit, mit der die Sekretärin das Papier ausfüllte, ist nachvollziehbar: Üblicherweise ist der Ersteintrag in einem Branchenverzeichnis nämlich gratis. So auch bei den gelben Seiten der Swisscom. Denn nur mit möglichst vielen Einträgen wird ein solches Verzeichnis für Werbeträger interessant. Jedes Jahr schicken darum Adressbuch-Verlage ihre Korrekturbögen den Firmen zu und fordern sie auf, die Richtigkeit der Adresse für den Grundeintrag zu überprüfen.

Hinter dem beworbenen Online-Branchenverzeichnis steckt die Zuger Firma InventairePro GmbH, die Ewald Sikler und Dominik Fialkowski gehört. Für jede Landessprache haben sie sich eine Web-Adresse gesichert (www.internetbranchenbuch. ch, www.inventaire-debranches. ch und www.elenco-pro.ch). Sikler macht kein Geheimnis aus dem Vorgehen: «Wir kaufen die Adressen oder kopieren sie auch aus dem Internet.»

Sehr versiert geht er dabei nicht vor. Spielend leicht kann ein Aussenstehender die Datenbank des Geschäftsmanns einsehen. Sie zeigt: Nicht nur Hunderte von Kleingewerblern sind aufgeführt, sondern auch Konzerne wie die Allianz Suisse, die Waadtländer Kantonalbank, der Telekomanbieter Orange, das Schweizerische Schnee- und Lawinenforschungs-Institut, der Autohändler Emil Frey AG, Edipresse, die Unesco und Parteien wie die SVP oder SP. Ungefragt verwendet Sikler Tausende Einträge von Firmen in seiner Datenbank. Datenschutz ist für die InventairePro GmbH ein Fremdwort. Selbst Unternehmen, die eine Verwendung ihrer Daten öffentlich untersagen, sind im Verzeichnis aufgeführt.

Über 380'000 Firmen, KMUs und Institutionen der ganzen Schweiz und Liechtensteins sind im Register – an knapp 80'000 von ihnen hat Sikler die Formulare seit April 2004 verschickt. Fällt nur ein Prozent auf die Offerten herein, ergibt sich für Sikler die Summe von 3'200'000 Franken zum Einkassieren. «Der Rücklauf beträgt höchstens ein Tausendstel», behauptet Ewald Sikler. Seine Datenbank weiss es besser – via Internet ist sie ungeschützt einsehbar: Von den ersten 80'000 angeschriebenen Firmen und Institutionen reagierten über 1100 aufs «Angebot», ein Rücklauf von knapp 1,4 Prozent im Wert von über vier Millionen Franken.

Sikler spielt den Fall herunter. «Wenn ich was zu verbergen hätte, hätte ich sicher nicht eine GmbH gegründet.» Der Deutsche hat die Schweiz nicht zum ersten Mal im Visier. Zwischen 2001 und 2003 verschickte die Firma Intelligent Media AG mit Sitz in Zug ein Formular, das nach dem gleichen Muster gestrickt war wie die aktuelle InventairePro-Ausgabe. Recherchen zeigen: Sikler war bei der Intelligent Media AG mit von der Partie. Bis heute betreut er die damals benutzten Webseiten www.online-branchenbuch.ch und www. onlineverlag.ch, die der Intelligent Media AG gehören. Für die aktuellen Formulare nahm er Software und Word-Dokumente dieser Firma zu Hilfe.

Der Mann mischt an vielen Fronten mit. Neben den Branchenbuch-Abenteuern betreut er das «in der Aussenwerbung in Ingolstadt führende» Plakatunternehmen Donauwerbung GmbH. Mit der Donauland Wohnbau GmbH ist er im Immobilien- und Baugeschäft tätig. Ein Gastrounternehmen setzte er 1998 in den Sand.

«Ich lache gerne»
Post verschicken und warten, wer zahlt: Auch Siklers rechte Hand, Herbert Martin Kerler, mag sich im Geschäft nicht zu hart anstrengen: «Ich bin immer gut aufgelegt, ehrlich und lache gerne», sagt er. Kerler ist ein Stehaufmännchen wie aus dem Bilderbuch. Bereits 1995 versandte er irreführende Branchenbuch-Formulare und wurde verurteilt. 1998 machte Kerler Konkurs, das Verfahren gegen ihn wurde im Februar 2001 «mangels einer den Kosten des Verfahrens entsprechenden Masse» eingestellt. Zur gleichen Zeit, als die Intelligent Media AG erstmals 2001 in der Schweiz auf Formular-Tour geht, knöpfen sich er und sein Kumpan Sikler mit exakt den gleichen Formularen und der Webseite www.online-branchenbuch.at die Österreicher vor. «Ewald Sikler hat mich finanziell unterstützt», sagt Kerler. Neben Deutschland und England befand auch Österreichs Justiz das Formular für irreführend und verbot jeglichen weiteren Versand sowie Inkasso-Massnahmen. Österreich und die Schweiz sind Sikler und seinen Kumpels nicht genug. Belgien, die Niederlande, Frankreich und England wurden ebenfalls bearbeitet.

In den Dunstkreis der Geschäftsmänner gehört auch Florian Sailer, Sohn des österreichischen Skistars Toni Sailer. Er arbeitet in der Intelligent Media. Zwischen 2002 und 2004 verschickte Sailer an gut zwei Millionen KMUs, Ärzte und Institutionen in Frankreich die altbekannten Angebote. Mindestens 13'000 Beschwerden gingen im Laufe der Zeit beim Untersuchungsrichter von Colmar ein. Florian Sailer wurde schliesslich im letzten Jahr verhaftet wegen Verdachts auf Betrug und irreführende Werbung. Auf freien Fuss kam er 2004 nach Hinterlegung einer Kaution von 300'000 Euro. «Ich habe in Colmar alles gesagt, was zu sagen ist. Für mich ist der Fall erledigt», sagt er gegenüber FACTS.

Druck per Telefon
Ewald Sikler geht nie so weit, dass er seine Opfer betreibt. Wer nicht bezahlt, dem passiert in der Regel gar nichts. Dennoch verkauft der Geschäftsmann die offenen Rechnungen an ausländische Inkasso- Firmen. In der Romandie beschäftigt Sikler einen Anwalt als Geldeintreiber. Telefonisch wurden die Hereingefallenen zum Zahlen angehalten.

Auf Grund der Recherchen von FACTS ist nun auch die Stiftung für Konsumentenschutz aufgeschreckt worden. Sie reichte bei der Lauterkeitskommission Beschwerde ein. Aber auch der Schweizer Adress- und Datenbankverleger-Verband (SADV) will gegen die InventairePro GmbH den Rechtsweg beschreiten. Der SADV, bei dem Firmen wie Swisscom oder Orell Füssli Mitglieder sind, setzt sich für seriöses Geschäftsgebaren in der Branche ein. «Wer auf Adressfirmen hereinfällt, die nicht beim SADV Mitglied sind oder unlautere Methoden verwenden, sollte keinen Rappen zahlen», rät SADV-Geschäftsführer Martin Jann. Daran haben sich auch Sonja Wernli und ihr Chef von der Vormundschaftsbehörde gehalten.

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9. 12.2007 Tagesanzeiger Adressenschwindler machen erneut mobil